Ein großer Schritt für Deutschland: Als erster europäischer Astronaut wird ein Deutscher zum Mond fliegen, so Forschungs- und Raumfahrtministerin Dorothee Bär am 17. April. In Verhandlungen mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA habe sich die Bundesrepublik gegen Ansprüche aus Frankreich und Italien durchgesetzt, sagte die CSU-Politikerin im Podcast des Nachrichtenmagazins "Politico". Offen sei, ob der Astronaut Alexander Gerst oder sein Kollege Matthias Maurer die Mission fliegen werde. Die erste Mondlandung seit mehr als 50 Jahren ist für 2028 geplant. Auch für den Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie ist das eine großartige Nachricht. Die Branche forscht und produziert für die Raumfahrt.
Dazu folgender Namensartikel von Constance Ißbrücker, Umwelt- und Chemieexpertin beim Gesamtverband textil+mode:
„Houston, ohne Chemikalien in technischen Textilien haben wir ein Problem!“

Image Credit: NASA/Frank Michaux
Am 10. April ist die Artemis‑Crew nach ihrer historischen Mission sicher zur Erde zurückgekehrt. Zehn Tage, eine Mondumrundung, neue Distanzrekorde – und der erfolgreiche Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Artemis hat Menschen weiter ins All gebracht hat als jede Mission seit Apollo. Die Bilder gingen um die Welt.
Auch die deutsche Textil- und Modeindustrie hat die Mission mit Spannung verfolgt: Schließlich haben Hochleistungsmaterialien aus deutscher Forschung und Herstellung einen großen Beitrag zum Erfolg der Mission geleistet. Ohne technische Textilien hätte Artemis nicht stattgefunden. Und ohne spezialisierte Chemie gäbe es diese Textilien nicht.
Raumanzüge sind kein Outfit – sie sind Lebensversicherung
Mit Artemis II hat die NASA mit Unterstützung der ESA erstmals seit über 50 Jahren wieder Menschen in den tiefen Weltraum geschickt. An Bord des Orion‑Raumschiffs war auch das Orion Crew Survival System Suit – Teil der Sicherheitsausrüstung für Start, Notfälle und den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Die NASA beschreibt die Außenschicht dieses Anzugs ausdrücklich als feuerbeständig. Das ist kein Detail. Es zeigt exemplarisch: Textile Materialien sind integraler Bestandteil sicherheitskritischer Systeme. Sie schützen Menschen in Situationen, in denen Fehler keine Option sind. Wer über Raumfahrt spricht, spricht immer auch über Materialeinsatz – und über Chemie.
Extremanforderungen brauchen Hochleistungsmaterialien
Raumfahrttextilien müssen gleichzeitig leisten, was normalerweise unvereinbar scheint:
Flammschutz, Abriebfestigkeit, thermische Beständigkeit, Flexibilität, Staubresistenz, mechanische Stabilität in hochbelasteten Umgebungen. Genau das macht deutlich: Solche Anforderungen lassen sich nicht mit beliebigen Standardmaterialien erfüllen. Die NASA nennt bei Materialien für Raumfahrtanzüge unter anderem Nomex, Kevlar, PBI, Vectran, Dyneema beziehungsweise Spectra sowie fluorierte Hochleistungsmaterialien wie PTFE, ePTFE und FEP. Leistungsfähigkeit entsteht hier aus dem Zusammenspiel von Textiltechnik, Polymerchemie, Beschichtungen und chemischer Ausrüstung.
Artemis zeigt, warum pauschale Stoffregulierung zu kurz greift
Für die chemikalienpolitische Debatte ist Artemis hochrelevant. Denn eines wird an dieser Mission sehr deutlich: Hochleistungsmaterialien sind nicht frei austauschbar. Sie sind Teil validierter, sicherheitskritischer Gesamtsysteme. Am Beispiel fluorierter Hochleistungsmaterialien lässt sich das gut zeigen. Dabei wäre es falsch zu sagen, ohne PFAS gäbe es keine Raumfahrt – das wäre zu pauschal. Aber es ist technisch dokumentiert, dass fluorierte Polymere wie PTFE, ePTFE oder FEP in Raumanzugsmaterialien eingesetzt werden. Diese polymeren PFAS würden grundsätzlich in den Anwendungsbereich des PFAS-Beschränkungsvorschlags unter REACH fallen. Wie die endgültige Regelung aussehen wird, ist allerdings noch nicht klar. Artemis II macht sichtbar, was in den aktuellen Regulierungsdebatten oft fehlt: Pauschale Beschränkungsansätze werden hochspezialisierten Anwendungen häufig nicht gerecht und zwar gerade dort, wo Funktion keine Kür, sondern Voraussetzung für Sicherheit und Menschenleben ist
Flammschutz: Wenn Sicherheit und Stoffpolitik kollidieren
Flammschutz ist in der Raumfahrt seit den frühen bemannten Missionen ein zentrales Thema. Nach den Lehren aus früheren Programmen hat die NASA konsequent auf flammhemmende Materialien gesetzt – nicht nur auf inhärent flammfeste Fasern, sondern auch auf chemische Ausrüstungen, additive und halogenierte Flammschutzsysteme in technischen Textilien und polymerbasierten Materialien. Gleichzeitig stehen genau diese Stoffgruppen in Europa zunehmend unter regulatorischem Druck. 2024 hat die ECHA einen Untersuchungsbericht zu aromatischen bromierten Flammschutzmitteln vorgelegt, 2025 wurde DBDPE in die Kandidatenliste besonders besorgniserregender Stoffe (SVHC) aufgenommen, und seit Anfang 2026 wird bereits eine mögliche REACH‑Beschränkung für bestimmte nicht‑polymere aromatische bromierte Flammschutzmittel vorbereitet. Artemis II führt uns damit vor Augen, wie komplex Regulierung wird, wenn Sicherheitsanforderungen und Stoffpolitik unmittelbar aufeinandertreffen.
Raumfahrttextilien enden nicht beim Anzug
Der Anzug ist nur das sichtbarste Beispiel. Auch thermische Isolationssysteme, Multi‑Layer‑Insulation, Schutzsysteme gegen Mikrometeoriten und Weltraumschrott beruhen auf textilen Hochleistungsmaterialien wie Beta Cloth, Kevlar oder Nextel. Artemis steht damit nicht für einen Einzelanwendungsfall, sondern für ein ganzes Feld sicherheitsrelevanter Technologien.
Was Artemis für Europa bedeutet
Wenn Europa bei Raumfahrt, Verteidigung, kritischer Infrastruktur und anderen Hochtechnologiefeldern mithalten will, muss es die materiellen Voraussetzungen dafür sichern. Dazu gehören technische Textilien – und dazu gehören auch die chemischen Bausteine, die ihre Leistungsfähigkeit ermöglichen. Artemis II ist nicht nur ein Raumfahrterfolg. Die Mission ist ein Realitätscheck für unsere Regulierung. Sie zeigt: Gerade bei essenziellen Hochleistungsanwendungen brauchen wir differenzierte, verlässliche und innovationsfähige Regeln statt pauschaler Beschränkungen. Sonst geraten ausgerechnet jene Materialien unter Druck, die Sicherheit, Resilienz und technologische Souveränität ermöglichen.
Die Artemis‑Crew ist sicher zurück auf der Erde. Die Debatte darüber, wie wir Zukunftstechnologien regulatorisch absichern, sollte jetzt erst richtig beginnen. Dass die Europäische Kommission derzeit davon absieht, die REACH-Revision wieder aufzunehmen, darf deshalb nicht als Entwarnung verstanden werden, sondern sollte der Auftakt für eine grundlegenderen Debatte sein.
Andernfalls können die Hersteller von technischen Textilien nur diesen Funkspruch an die Ingenieure bei NASA und ESA senden: „Houston, ohne Chemikalien in technischen Textilen haben wir ein Problem.“
Finden Sie hier weitere interessante Inhalte